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Der alte Flohmarktteddy findet ein Zuhause.
"Heute ist Flohmarkt!", sagte die Puppe und ordnete ihr Blondhaar. "Bestimmt finde ich schnell ein neues Zuhause."
"Bilde dir nicht soviel ein!", meinte das Glücksschwein.
"Ich habe viele Flohmärkte erlebt, und noch immer stehe ich hier. Ich, das Glücksschwein!" "Hähähä",dröhnten die
alten Zinnsoldaten im Chor. "Wozu braucht man heutzutage ein Glücksschwein?" "Na ja", kicherte das Schaukelpferd.
"Ihr ollen Soldaten seid auch nicht gerade gefragt. Cassetten, Computerspiele und Monsterfiguren mögen die Kinder.
"Und Comics...Comics...Comics", blätterten die Comic-Hefte ihre Seiten aufgeregt hin und her. Das Märchenbuch seufzte.
"Da habt ihr allerdings recht." Es wandte sich zu dem einäugigen, alten Teddy mit dem abgerissenen Ohr.
"Wir beide werden wohl auf immer und ewig Ladenhüter bleiben!" Der Teddy nickte traurig. "Und dabei sehne ich mich
so sehr nach kuscheligen Kinderarmen! Es war schön, früher, als mich mein Kind lieb gehabt hatte."
"Wer kann dich denn liebhaben? Alt siehst du aus und kaputt!", stellte die Puppe fest. "Ich schätze, du wirst bis zum
Sanktnimmerleinstag hier sitzen und warten. "Das Glück glückt nicht jedem", gluckste das Glücksschwein.
"Dabei sind Bären wieder modern", schaukelte das Schaukelpferd. "Fast so modern wie wir Schaukelpferde."
Der Teddy schüttelte traurig den Kopf, und eine Träne kullerte aus seinem übriggebliebenen Auge.
"Aber nicht, wenn man so aussieht wie ich." "Dann musst du auch nicht in der ersten Reihe sitzen", meinte die Puppe und
schubste den Bären nach hinten. "Stimmt", riefen die Zinnsoldaten, und sie drängelten so lange, bis der Teddy vom Tisch fiel.
Dort blieb er im Staub liegen. Er hatte keine Kraft mehr. Sie hatten recht, die da oben. Die ersten Käufer kamen.
Die Puppe, das Schaukelpferd, das Glücksschwein, die Plüschtiere und all die anderen Spielsachen setzten ihre
liebenswürdigsten Mienen auf und waren bemüht, sich in die Kinderherzen hineinzulächeln. Die Kinder aber gingen achtlos
an ihnen vorüber. Einige blätterten in den Comics. Die Spielsachen lächelten und lächelten, und das Gesicht tat ihnen vom
vielen Lächeln weh. Nur der Teddy unter dem Tisch strengte sich nicht an. Er beobachtete die Füße, die an seinem Auge
vorbeigingen. Auf einmal blieb ein kleiner, roter Kinderschuh, dessen Schleife sich geöffnet hatte, vor ihm stehen.
Zwei kleine Hände beugten sich über den Schuh und knoteten die Schleife mühsam wieder zusammen.
Es klappte nicht so recht. Der alte Teddy musste an früher denken. Er lächelte. Und plötzlich war da ein Kindergesicht,
das zurücklächelte. Es gehörte zu den Kinderhänden und dem roten Schuh. "Ein Teddy", rief das Kind.
"Mitten im Staub liegt er. Und er lächelt so lieb!" Schon hatte es den Teddy im Arm und drückte ihn fest an sich.
"Den will ich haben!" Da half keine Widerrede. Das Kind gab den alten, staubigen Teddy nicht mehr her.
Und so trugen warme, weiche Kinderarme den Teddy liebevoll vom Verkaufstisch weg. Der Teddy freute sich so,
dass er lächelte und lächelte und mit dem Lächeln gar nicht mehr aufhören konnte. Den anderen Spielsachen aber war für
einen Moment das Lachen vergangen. Ausgerechnet der Teddy,dieser alte Zausel, fand als erster ein neues Zuhause.
Aber zum Ärgern blieb keine Zeit. Sie mussten lächeln, lächeln, lächeln...!
Vielleicht, ja vielleicht brachte ihnen das Glücksschwein ja doch noch Glück...!?

© Elke Bräunling

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