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Plum sucht einen Freund.
"Mit einem Freund", sagt Plum, der kleine Bär, "kann man viele Sachen machen.
Spielen oder raufen, miteinander lachen oder um die Wette laufen."
Ja, so einen Freund möchte Plum haben, und den will er sich jetzt suchen.
Unterwegs trifft er viele Tiere. "Habt ihr zufällig einen Bären gesehen?", fragt Plum höflich.
Die Tiere aber schütteln bedauernd die Köpfe. Manche kichern, und Koki, der freche Rabe, ruft:
"Bären laufen nicht alle Tage im Wald herum. Hähäkräkrä!" "Quatschkopf!", brummt Plum und sucht weiter.
Überall sieht er nach, aber er hat kein Glück.
"Ich bin ein ´Pech-Bär´", seufzt er und beugt sich über den Bach. Ja, und wen sieht er da im Wasser sitzen?
Einen Bären! "Juchhu!", ruft Plum und lacht. Da lacht auch der fremde Bär! "Ich habe einen Freund gefunden!",
jubelt Plum. "Er lacht wie ich. Weil er sich freut!" Plum greift ins Wasser und sagt: "Ich heiße Plum!
Und wer bist du?" Das Wasser kräuselt sich, und Plum kann seinen neuen Freund nicht mehr sehen.
"Spielen wir Verstecken?", ruft er und dreht sich suchend im Kreis, aber der fremde Bär ist verschwunden.
Da tropfen Tränen über Plums Backen. Er starrt aufs Wasser, das sich langsam beruhigt. Da sieht er es wieder,
das fremde Bärengesicht. Es sieht traurig aus, und über seine Backen tropfen auch Tränen. "Da bist du wieder!",
ruft Plum erfreut. "Und traurig bist du auch? Ja, du bist ein guter Freund!"
Glücklich lächelt Plum, und der fremde Bär lächelt zurück.
Da erzählt Plum dem fremden Bären von seiner Familie und der Bärenhöhle im Wald.
Auch der fremde Bär erzählt vieles, doch kein Ton dringt aus dem Wasser. "Ich versteh´dich nicht!"
Plum fasst nach der Hand des Bären. "Komm aus dem Wasser!" Wieder kräuseln sich die Wellen, und der fremde
Bär ist auch wieder verschwunden. " Du bist kein rechter Freund!"schimpft Plum. "Oder wie oder was?"
"Wie bitte?", schnarrt eine Stimme. Erschrocken sieht Plum auf. Ein Igel steht neben ihm.
"Gestatten, mein Name ist Friedo", stellt er sich vor. "Ich heiße Plum", erwidert Plum. "Mit wem redest du?", fragt Friedo.
"Mit meinem neuen Freund", antwortet Plum traurig. "Der aber ist nie da!" "Das verstehe ich nicht!", brummt Friedo.
Da schüttelt Plum den Kopf. "Wie solltest du auch?" Dann erzählt er Friedo von dem fremden Bären im Wasser.
"Der aber mag mich nicht leiden!", schließt er seinen Bericht. "Immer, wenn ich ihn aus dem Wasser holen will,
verschwindet er!" "Und wo ist er jetzt, dein Freund?", fragt Friedo. "Ich weiß es nicht", antwortet Plum und beugt
sich über das Wasser. Und was sieht er, als er auf die ruhige Wasserfläche blickt? "Siehst du?", ruft er.
"Da sitzt er wieder, der fremde Bär!" "Hoha!", ruft Friedo, "willst du mir einen Bären aufbinden?" "Nein!"
Plum ist verzweifelt. "Nicht aufbinden! Zeigen will ich ihn dir! Hier im Wasser!"
Da beugt sich Friedo über das Wasser und muss lachen. Und wie er lacht! "Siehst du ihn denn nicht?", wundert sich Plum.
"Aber das bist doch du!", prustet Friedo. "I-i-ich?", stammelt Plum. Friedo wischt sich die Lachtränen vom Gesicht.
"Wasser",sagt er, "ist wie ein Spiegel. Man kann sich selbst darin sehen." "Ein Spiegel? Ach so!" Plum nickt verstehend,
obwohl er noch nie etwas von so einem ´Spiegelding´ gehört hat. "Du meinst, ich habe nur mich selbst im Wasser gesehen?"
Friedo nickt. "Ja. Du warst dir für eine Weile dein eigener Freund. Ist das nicht prima?" "Prima?" Plum denkt nach.
Es hat Spaß gemacht, mit dem ´Wasserbären´ zu reden. "Komisch!", murmelt er.
"Es war gar nicht langweilig mit mir alleine!?" Da lächelt Friedo. "Ich bin fast immer alleine. Und das ist gut so.
Wir Igel brauchen keine Freunde." "Ich möchte nicht immer alleine sein", meint Plum. "Manchmal aber ist es gar nicht so übel!
So wie heute zum Beispiel." "Stimmt!", sagt Friedo. "Doch nun muss ich los. Ich bin nämlich fast immer auf Futtersuche.
Da bleibt für Freunde keine Zeit! Du aber wirst einen Freund finden. Irgendwann. Ganz bestimmt.
Tschüs und viel Glück, kleiner Plum-Bär!" Friedo winkt noch einmal und verschwindet raschelnd im Gebüsch.
Noch lange hört Plum das Tapsen der Igelpfoten. Dann macht er sich auf den Heimweg.
"Vielleicht finde ich morgen einen Freund!", murmelt er. "Oder übermorgen? Oder? Na, irgendwann bestimmt...!"

© Elke Bräunling

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