Die Wahrheit über Bären!

Im Jahre 1902 verbrachte Präsident Theodore "Teddy" Roosevelt einen Urlaub
auf der Bärenjagd, die nicht gerade von Erfolg gekrönt war: Der einzige Bär, den
er hätte töten können, war ein dürres Exemplar, das Fährtensucher an einem Baum
gefesselt hatten. Einen wehrlosen Bären zu erschießen erschien ihm aber weder
sportlich noch war es eine Herausforderung. Normalerweise wäre die Geschichte
hiermit beendet gewesen, hätte nicht der Karikaturist Clifford K. Berryman für die
Washington Post einen Cartoon von dem Vorfall gezeichnet. Bald wurde der Bär zum
Symbol des beliebten Präsidenten und der Stoffbär zu einem Spielzeug von ungeahnter
Beliebtheit. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis die Spielzeugbären zu dem wurden,
was wir uns unter einem typischen Teddybären vorstellen. Lange Zeit wurden realistisch
aussehende Bären, die auf alle vieren standen, hergestellt. Deutsche und französische Bären
waren oft mechanisch und legten unerwartete Eigenschaften an den Tag: Viele konnten
rauchen, trinken, tanzen oder springen. Das erscheint uns heute ungewöhnlicher als den
Menschen im 19. Jahrhundert. Damals kannte man dressierte Bären aus dem Wanderzirkus
oder von Zigeunern. Die Modellbären waren ganz einfach Spielzeugausgaben der echten Bären,
die, mit einem Maulkorb versehen, tanzten und umherstolperten, um das Publikum zu belustigen.
Im Jahre 1903 betrieben die russischen Immigranten Morris und Rose Michtom einen kleinen
Gemischtwarenladen in Brooklyn, New York. Sie sahen den Cartoon mit Präsident Roosevelt
und dem Bären und bald schon schmückten zwei Plüschbären ihr Schaufenster. Rose hatte diese
angefertigt und mit Präsident Roosevelts Erlaubnis wurden sie "Teddys Bären" genannt.
Die Bären wurden sofort ein unerwarteter Verkaufsschlager. Obwohl der kleine Anfangsbestand
der Michtoms von einer Spielzeugfirma aufgekauft wurde, machten sie weiter und gründeten ein
erfolgreiches Unternehmen, die Ideal Novelty and Toy Company. Zwischen 1903 und 1906
entstanden in den USA fast alle Bären bei Ideal. Erst danach begannen auch andere amerikanische
Hersteller mit der Teddyproduktion. In Deutschland entwickelte die Firma Steiff eigene Bären.
Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Firma von Margarete Steiff gegründet. Aufgrund einer
Kinderlähmung konnte Margarete nicht laufen. Sie wurde Näherin und verdiente ihren Lebens-
unterhalt mit dem Anfertigen von Kinderkleidung. Schließlich vergrößerte sie ihre Firma und
begann mit der Herstellung von Spielzeugtieren aus Samt, Sackleinen und echtem Fell - dem
einzigen Material, das damals zur Herstellung von Stofftieren benutzt wurde. Bei ihren ersten
Spielzeugentwürfen richtete Magarete sich nach Mustern in Zeitschriften. Ihr erstes eigenes
Modell war ein elefantenförmiges Nadelkissen aus Filz. Das erklärt auch, warum ihr berühmtes
Markenzeichen (Knopf im Ohr) einen Elefanten darstellt. Obwohl die Firma neben Bären auch
Schweine, Pferde und Kamele auf Rädern herstellte, war am Anfang nichts dabei, was einem
Teddybären ähnelte. Die Anregung für den ersten Steiff-Teddy stammte von Magaretes Neffen
Richard, einem Bildhauer. Richard verbrachte viele Stunden im Zoo und Zirkus um Bären zu
skizzieren, und zwar mit dem Auge eines Künstlers und dem Herzen eines Bärenfans. Obwohl an
Design und Struktur einiges geändert wurde, gelten die frühen Steiff-Bären auch heute noch als
die schönsten Teddys, die oft nachgemacht wurden und werden. Die Firma Steiff schuf den
"Gelenkbären". Das sind Bären, deren Arme, Beine und Köpfe man so bewegen kann, dass sie
sitzen, stehen, umarmen, kriechen können, und mit denen sich wie mit Puppen spielen lässt.
Manche Spielzeughersteller hielten Teddys denn auch für Puppen für Jungen und kleideten die
Bären dementsprechend ein. Die Gelenke beschwerten den Bären auch ein längeres Leben:
Ein Bär ohne Gelenke geht viel schneller kaputt, seine Nähte platzen an der Nahtstelle von
Körper und Gliedmaßen auf. Die ersten Teddybärhersteller, vor allem Steiff, verwendeten einen
neuen Stoff, der 1901 in Deutschland entwickelt worden war: Mohairplüsch, gewebt aus der von
Wolle von Angoraziegen und aus echtem Fell. Das gab den Stofftieren, auch den Teddybären,
ein neuartiges Aussehen. Obwohl die Teddys für die Kleinsten heute aus maschinenwaschbarem
Synthetikplüsch gefertigt werden, wirken die alten Bären gerade durch die alten Bären gerade
durch ihr zotteliges Äußeres so anziehend. Die meisten Sammler bevorzugen dieses Material
aus den Anfängen der Teddybärherstellung. 1903 verkaufte Steiff 12.000 Teddybären, 1907
waren es bereits 974.000 . In den Spielzeugkatalogen wurden aus "Teddy`s Bears" (Teddys Bären)
schon bald "Teddy Bears" (Teddybären) und der gelenkige Spielzeugbär avancierte in Deutschland,
Großbritannien und den Vereinigten Staaten zum Beststeller. Um das Jahr 1909 trug die modebewusste
Dame in Großbritannien und den USA beim Flanieren in den Seebädern ihren Teddy unter dem Arm,
und sogar auf den Boulevards der großen Städte konnte man sie entdecken. Die vielen Geschichten,
Lieder und Cartoons über den Teddy zeigten und steigerten seine Beliebtheit. In den ersten fünf
Jahren nach seiner Erfindung wurden mehr als 300 Teddylieder urheberrechtlich geschützt.
Das Lied von Teddybärs Picknick hat Generationen von Amerikanern und Briten begleitet:
"Wenn du heute in den Wald gehst, erwartet dich eine große Überraschung... ganz sicher treffen sich
dort alle Bären, denn heute ist ihr Picknicktag." Die Briten haben ihre eigene Geschichte von Teddys
Namengebung. Sie behaupten, wenngleich nicht sehr überzeugend, dass König Edward VII. von einem
australischen Koalabären im Londoner Zoo so bezaubert war, dass diese Faszination zum Namen
Teddybär führte, da Ted die Kurzform von Edward wie auch von Theodore ist. Diese Geschichte wäre
glaubhafter, wenn die frühen britischen Teddys Koalas gewesen wären, was aber nicht der Fall ist.
(Perfektionisten könnten jetzt anführen, dass der Koala gar kein richtiger Bär ist, sondern ein Beuteltier.)
Die Teddbären haben sich schnell durchgesetzt. Als 1904 die Anhänger Roosevelts während des
Präsidentschaftswahlkampfes Minibären an rot-weiß-blauen Bändern trugen, stand nicht einmal der
Name des Kandidaten darauf. Das war nicht nötig. Jeder wusste, dass Teddy der Bär war - oder
vielleicht auch der Bär Teddy? Wie dem auch sei, Roosevelt gewann. Ironischerweise hatte der
Präsident nie viel für Teddybären übrig. Lieber wäre er mit einem Elch in Verbindung gebracht
worden, dem Symbol der Progressiven Partei, die auch Elchbullenpartei genannt wurde.
Schwer vorstellbar, dass ein "Teddyelch" jemals solche Beliebtheit erreicht hätte wie der Bär.
Dafür gibt es einen lustigen historischen Beweis: Präsident William Taft, Roosevelts Nachfolger,
wurde mit dem Opossum in Verbindung gebracht, für das er eine Vorliebe besaß. Während seiner
gesamten Präsidentschaft fertigten Spielzeugfirmen "Billy Possums". Doch hatten sie keinen Erfolg -
vielleicht wegen der großen Ähnlichkeit mit einer Ratte.
Die Spielzeughersteller gaben auf: Teddybären überlebten, andere Präsidentensymbole nicht.